Leseturm – Kurzgeschichten

Pitz

Weihnachten in der Nachkriegszeit

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Kolumnen/Kurzgeschichten/Lyrik

Abies Koreana (Korea Tanne)
Quelle: Wikimedia Commons

Heute schreiben wir Weihnachten 2017 und ich denke zurück an das Christfest 1947.

Unser Vater war während des Krieges in Norwegen als Zivilist. Er war dienstverpflichtet und mußte die U-Boote, die von der Feindfahrt zurückkehrten und sich in den Fjorden aufhielten, reparieren. Er war für die Funkanlagen verantwortlich. Die Boote wurden wieder flott gemacht, um aufs Neue auf den Weltmeeren Krieg zu führen. Nach Kriegsende 1945 erhielten wir Post aus Südfrankreich. Vater war dort in französischer Gefangenschaft. Die Gefangenenlager waren total überfüllt. Von Troudlein nach Bajon. Von dort aus wurde er an die Amerikaner ausgeliefert und diese verfrachteten die Gefangenen in Güterwagen, wo sie quer durch Frankreich und Deutschland transportiert wurden. Keiner der Soldaten wußte, wo die Fahrt hingeht.

Alle Güterwagen waren wie für Viehtransporte ausgerichtet, - also auch verriegelt! Kam der Zug unter einer Brücke zum Stehen, wurden von den Menschen Steine, auf die zum Teil offenen Waggons, geworfen. Der Haß war groß!

Meine Mutter bewältigte in dieser Zeit die Kindererziehung und den Alltag allein, wie alle anderen betroffene Mütter auch. Die Sorgen um das tägliche Brot waren unwahrscheinlich groß und der "Schwarzmarkt" blühte! Es gab genau berechnete Lebensmittelkarten für Mehl, Fleisch, Zucker, Fettigkeiten und sogar Textilien gab es auf Zuteilung. Alles war rationiert. Oft reichte es nicht aus, um satt zu werden. Wie oft knurrte uns der Magen vor Hunger!

Das wenige Brot tauschten wir manchmal für Kohle ein. Ich weiß es heute noch, daß in einen selbstgenähten Beutel 15 große Briketts paßten und ein Brot auf dem "Schwarzmarkt" 50 Mark kostete. Wir lernten auch als Kinder ganz schnell, womit alles "geschachert" werden konnte. Mutter rief auch manchmal im Spaß: "Hast du was, dann kriegst du was!" und wir wußten, was gemeint war. Oft lachten auch die Frauen im Haus, wenn sie sich über die momentane Lebenssituation lustig machten. Heute weiß ich, auch das gehörte zum Überleben.

Am Brot waren immer vorgezeichnete Messerkerben, damit die selbst zugeteilte Tagesration nicht überschritten wurde. Die Zeit blieb aber nicht stehen, auch wenn meine Mutter immer trauriger wurde und noch öfter vor dem Bild unseres Vaters stand.

Das Weihnachtsfest 1947 rückte immer näher. Als ich am Vortage des "Heiligen Abends" unseren Stollenersatz, einen Hefekuchen in Kastenform vom Bäcker Thiele abgeholt hatte (die Zutaten wurden schon lange vorher aufgespart), wurde es plötzlich dunkel. Es war wieder Stromsperre, wie täglich. Da polterte es draußen an der Flurtür. Wir waren alle sehr erschrocken. Wir bettelten unsere Mutter, nicht aufzumachen. Ich sagte ganz leise, daß es ja der Weihnachtsmann noch nicht sein könnte, es sei ja erst der 23.Dezember. Mutter war auch unsicher. Sie ging aber mit der Kerze an die Tür und wir Kinder schlichen hinterher. Da stand ein abgemagerter Mann in einem viel zu großen und zu langen amerikanischen Soldatenmantel, der bis auf den Fußboden hing. Er fragte meine Mutter ganz leise, ob sie ihn denn nicht erkenne? Meine Mutter schrie plötzlich auf, denn sie hatte unseren Vater an der Stimme erkannt. Sie fiel ihm um den Hals und lachte und weinte fast gleichzeitig. Meine Schwester und ich wollten ihn dann überhaupt nicht mehr loslassen, auch wenn er im Gesicht voller Stacheln war.

Wir waren glücklich.

Unsere Freude hatte sich ganz schnell herumgesprochen. Ein Telefon hatten wir ja damals nicht. Das Weihnachtsfest war endlich wieder ein richtiges Familienfest und es verging viel zu schnell. Wir hatten unserem Vater noch längst nicht alles erzählt. Nun stand das nächste Fest vor der Tür, das letzte Fest des Jahres. Wir schmückten unsere Wohnung so schön wie möglich und freuten uns auf Sylvester.

Nur ein paar Häuser weiter wohnte eine Tante von uns. Es war die Tante Rosa. Sie lud uns alle ganz spontan zu Sylvester ein. Wir freuten uns,aber meine Eltern zögerten. Da sind ja dann gleich vier Esser mehr am Tisch! Tante Rosa schmunzelte nur und meinte, daß wir ruhig kommen sollten. Was wir da erlebten, war für meine Schwester und mich wie im Märchen. Onkel Paul hatte schwarzen Rübensaft gekocht und zwar einen großen Topf voll. Wir durften uns alle einen Löffel nehmen und kosten... und wir Kinder haben es so richtig "ausgekostet"!

Die Tochter von ihnen war viel älter als wir. Sie hatte sich den jungen Chef einer Brotfabrik "angelacht", - so sagte man damals. Endlich mal ein großes Brot ohne Messerkerben wegen der Tageeinteilung. Meine ältere Schwester schaffte neun und ich fünf Schnitten.

Nur das Halten und das Abbeißen der Brotschnitten war gar nicht so einfach.Der Rübensaft tropfte durch die Poren des guten Bäckerbrotes und wir hatten unsere "Sonntagskleider" an. Wir klebten am Ende überall und alle lachten. Es war wunderschön. Wir waren immer noch glücklich, unseren Vater wieder zu haben. Nichts war an diesem Abend wichtiger. Trotz Stromsperre spielten wir alle am großen Tisch Karten und ich weiß bis heute nicht, warum ich so oft gewonnen habe? Alle haben gut "mitgespielt"!

Heute,siebzig Jahre später, leben wir in Wohlstand und Überfluß. Ich wünsche mir sehr, daß die nächsten Generationen keinen Krieg mehr erleben müssen, aber auch den momentanen Lebensstandart nicht als Selbstverständlichkeit betrachten. Wir sollten alle etwas bescheidener sein und auch etwas bescheidener denken. Allerdings nicht erst dann, wenn wir im Leben einmal die "Schraube" etwas zurückdrehen müssen.

Ich habe mir beim Schreiben vorgenommen, jeden Tag einmal innezuhalten und dankbar zu sein für das, was ich habe.

© Pitz


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